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13.03.2012

Pressemitteilung: 216 Menschen wurden als Opfer rechter Gewalt gezählt

Von: Dirk

Hintergrund:

Seit dem 1. April 2011 ist ezra, die mobile Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt sowie anderer Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, in Thüringen tätig. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Träger hat mit diesem aufsuchenden Hilfeangebot den „Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland“ (bejm) beauftragt.

Relevanz für die Statistik:

•    Die Tat erfolgte aus politisch rechter, rassistischer, antisemitischer oder einer anderen Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit

•    Das Opfer erlebte physische Gewalt

•    Bedrohung, Nötigung, versuchte Körperverletzung und/oder zielgerichtete Beschädigung des Eigentums wurden von den Betroffenen ähnlich wie bei einer physischen Gewalttat erlebt und hindern sie daran, frei von Angst zu leben

•    Neben der Interpretation der Tat durch die Betroffenen müssen weitere Anhaltspunkte auf eine rechts-motivierte Tat vorliegen

•    Die Zahlen beziehen sich auf verschiedene Quellen: Betroffene, Zeugen, Pressemitteilungen der Polizei, Angehörige von Betroffenen, Kooperationspartner, Meldungen aus Medien

Erfasste Fälle von April bis Dezember 2011:

•    49 Angriffe mit 216 direkt betroffenen Personen

•    Beispiele: 38 Betroffene von Körperverletzungen bzw. schwerer Körperverletzung, 151 Opfer von Nötigung, Bedrohung, versuchter Körperverletzung und Stalking

•    Die sehr hohe Opfer-Zahl kam durch einen Überfall auf das Park- und Schlossfest in Greiz im Juni zustande: Etwa 15 junge Männer verwandelten ein Konzert in einem abgeschlossenen Veranstaltungsgelände in eine Falle; etwa 100 Menschen wurden bedroht, indem die Täter mit Reizgas in die Menge sprühten, Bierbänke und -gläser herumwarfen und einen Mann gezielt niederschlugen; betroffen waren auch zwei Personen im Rollstuhl sowie Familien mit Kindern

•    In der Statistik tauchen vereinzelt Fälle auf, die nicht zur Anzeige kommen, weil die Betroffenen das nicht wünschen - manchmal leben die Täter im sozialen Nahraum und die Betroffenen haben Angst vor den Folgen einer Anzeige

Beratung durch ezra:

•    73 Personen aus 29 Fällen des Jahres 2011 ließen sich beraten und begleiten

•    Davon waren 46 Personen direkt betroffen, dazu kamen 27 Angehörige, Zeugen oder Freunde von direkt Betroffenen

•    Außerdem erfolgte die Beratung von Betroffenen aus zehn Fällen, die vor 2011 geschehen sind Statistik der

Tatmotive:

•    Die Gruppe der „Nicht Rechten“ war am stärksten von rechter Gewalt betroffen (15 Fälle mit 147 Personen), also z. B. alternative Jugendliche und Erwachsene, der Punkszene Angehörige sowie Menschen, die sich bewusst gegen rechte Meinungen stellen

•    Angriffe aus rassistischen Tatmotiven: 19 Fälle mit 32 Personen

•    Angriffe auf politisch aktive Personen: 12 Fälle mit 33 Personen, Häufung um Termine der rechtsextremen Szene und Gegenveranstaltungen, wie „Rock für Deutschland“ in Gera

•    Bei einem Büro einer demokratischen Partei in Greiz wurde wiederholt die Scheibe eingeworfen und eine Botschaft hinterlassen wie „Nie wieder Kommunismus. Nationaler Sozialismus jetzt!“

•    Zwei Personen wurden aus antisemitischen Beweggründen angegriffen

•    Zwei Menschen waren von homophob motivierten Angriffen betroffen - so wurde ein Betroffener beschimpft und zusammengeschlagen

Allgemeines:

•    Der Name der Initiative mit Sitz in Neudietendorf lautet „ezra“ – das hebräische Wort für Hilfe beziehungsweise Beistand

•    Projektleiter ist Jürgen Wollmann, das Team besteht aus vier Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen

•    Opfer rechtsextremer Gewalttaten sind vor allem nicht Rechte (unangepasste Jugendliche bezie¬hungs¬weise junge Erwachsene), politisch Aktive, Betroffene von Rassismus, Behinderte und sozial Schwache

•    Finanzierung über zunächst drei Jahre läuft über das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und dem Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit; aktueller Etat liegt bei etwa 175.000 Euro pro Jahr

Aufgabe von ezra:

•    Hilfe bei Fällen physischer Gewalt sowie bei Delikten wie Bedrohung, Ehrverletzung, Nötigung und Sachbeschädigung  

•    Angriffe werden recherchiert und erfasst

•    Beratungsarbeit ist dem Prinzip der Opferperspektive verpflichtet

•    Auch Angehörige von Betroffenen sowie Zeugen werden betreut

•    Solidarisierungsprozesse mit den Opfern sollen angeregt sowie gesellschaftliche Prozesse gefördert werden, um rechtsextreme Straf- und Gewalttaten zukünftig zu verhindern

•    Informationsveranstaltungen sollen über die psychosoziale und rechtliche Situation von Betroffenen rechtsextremer Gewalt in Thüringen aufklären

•    Präsenz bei rechtsextremen Treffen

•    Aufbau eines Hilfsfonds für unbürokratische und schnelle Hilfe

Konkrete Hilfsangebote:

•    Psychosoziale Beratung

•    Begleitung zu Terminen bei Polizei, Anwälten und Gerichten

•    Vermittlung von Anwälten und therapeutischer Behandlung

•    Hilfe beim Beantragen von finanzieller Unterstützung und Heilbehandlungen

•    Weitergabe von Mitteln aus einem Hilfsfonds

Kontakt:

•    Für Betroffene gibt es eine Notruf-Nummer (Tel. 036202–7713510), außerdem können Vorfälle über ein Kontaktformular im Internet gemeldet werden